Künstliche Intelligenz im Tourismus: KI-Experte gibt Einblicke in das Reisen der Zukunft

Kurzüberblick: Künstliche Intelligenz im Tourismus 2026
Künstliche Intelligenz verändert den Tourismus nicht mehr nur auf der Ebene einzelner Tools, sondern entlang der gesamten touristischen Wertschöpfungskette. Besonders Agentic AI, KI-gestützte Entscheidungsprozesse, Hyperpersonalisierung und neue Formen der Sichtbarkeit in Antwort- und Entscheidungssystemen stellen Destinationen, Reisevertrieb, Veranstalter, Hotellerie und Plattformen vor strategische Fragen. KI-Experte Alex Mirschel ordnet ein, warum touristische Organisationen jetzt nicht nur effizienter arbeiten, sondern ihre Daten, Prozesse, Markenführung und Rolle in einer zunehmend KI-vermittelten Reiseökonomie neu denken müssen.

In diesem Beitrag geht es unter anderem um:
• wie Agentic AI die Reiseplanung von der Suche zur delegierten Entscheidung verschiebt,
• warum Sichtbarkeit stärker von Datenqualität, Vertrauen und maschinenlesbaren Inhalten abhängt,
• welche Folgen KI für Reisebüros, OTAs, Destinationen und touristische Mittelständler hat,
• warum KI-Strategie, Kompetenzaufbau und klare Governance 2026 zur Führungsaufgabe werden,
• welche Best Practices für KI im Tourismus bestehen.

Stand: Mai 2026

Künstliche Intelligenz (KI) hat die Tourismusbranche nicht nur transformiert – sie ist 2026 zum Betriebssystem geworden. Während vor zwei Jahren noch über die Generierung von Texten und Bildern gestaunt wurde, verschiebt sich der Fokus heute deutlich: KI wird nicht mehr nur befragt, sondern zunehmend mit Aufgaben betraut. Sie recherchiert, vergleicht, bewertet, plant, priorisiert und bereitet Entscheidungen vor. Mit Agentic AI beginnt eine Phase, in der standardisierte Prozesse zumindest teilweise an Maschinen delegiert werden – in der Reiseplanung ebenso wie in den Organisationen der Tourismuswirtschaft.

Einer, der diese Entwicklung von der ersten Stunde an begleitet und mitgestaltet, ist Alex Mirschel, Experte für KI im Tourismus und Berater bei Realizing Progress. Seit mehr als 15 Jahren unterstützt er Unternehmen, Destinationen, Verbände und touristische Organisationen bei Fragen rund um Digitalisierung, Innovation und Transformation. Sein Blick auf Technologie ist dabei bewusst nicht technikverliebt. Für ihn steht im Zentrum, wie KI Wertschöpfung ermöglicht, Organisationen handlungsfähiger macht und zugleich den menschlichen Kern des Reisens stärkt.

„Wir haben die Phase des bloßen Ausprobierens hinter uns gelassen. Heute geht es um echte Wertschöpfung durch Künstliche Intelligenz – unter Marktbedingungen, die sich rasant verändern“, sagt Mirschel. „KI ist nicht mehr nur ein Werkzeug, mit dem man schneller Texte schreibt oder Bilder erzeugt. Sie verändert, wie Menschen Reisen finden, wie Angebote sichtbar werden, wie Organisationen arbeiten und welche Rollen Vermittler, Plattformen und Destinationen künftig einnehmen.“

Mirschel ist fachlicher Leiter des Kompetenzkreises KI im Tourismus und berufenes Mitglied der Taskforce Digitalisierung & KI der Denkfabrik „Die Zukunft der Gastwelt“. Als Sachverständiger für Künstliche Intelligenz wurde er zudem in den Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages eingeladen. In den vergangenen Jahren sprach er unter anderem als Keynote-Speaker zu KI beim Deutschen Städteforum, beim KI-Zukunftscamp des Deutschen Tourismusverbandes, beim KI-Zukunftstag des Deutschen Reiseverbandes, in einer Live-Schalte bei den Knowledge Days der Deutschen Zentrale für Tourismus sowie auf großen Branchenveranstaltungen wie dem Hamburger Tourismustag, dem Kölner Tourismustag, der RDA-Jahrestagung oder den RTK Dialogtagen.

Als Mit-Initiator des KInkTanks, einer KI-Denkfabrik mit führenden Tourismusakteuren aus dem deutschsprachigen Raum, sowie des Barcamps KI im Tourismus an der Hochschule Heilbronn arbeitet Mirschel gemeinsam mit Realizing Progress daran, Künstliche Intelligenz nicht als kurzfristigen Tooltrend, sondern als strategischen Veränderungstreiber zu verstehen. Die zentrale Frage lautet aus seiner Sicht nicht mehr, welches KI-Tool gerade am besten funktioniert. Entscheidend ist, wie sich Tourismusorganisationen so aufstellen, dass sie in einer zunehmend KI-vermittelten Welt sichtbar, relevant und anschlussfähig bleiben.

Alexander Mirschel KI im Tourismus LCC Forum 2025
Alexander Mirschel KI im Tourismus LCC Forum 2025

Reiseplanung: Von der Suchmaschine zur Entscheidungsmaschine

Der tiefgreifendste Wandel findet derzeit an einer Stelle statt, die lange als selbstverständlich galt: bei der Suche und Reiseplanung. Über Jahrzehnte war digitale Sichtbarkeit stark von Suchmaschinenlogiken geprägt. Nutzerinnen und Nutzer gaben kurze Stichworte ein, klickten sich durch Linklisten, verglichen aufwändig und zeitraubend Websites und trafen ihre Entscheidung dann nach mehreren Zwischenschritten. Diese oft lineare Logik löst sich zunehmend auf.

KI-Systeme entwickeln sich von Suchmaschinen zu Antwort- und Entscheidungsmaschinen. Reisende formulieren immer seltener isolierte Suchbegriffe, sondern beschreiben ihre gesamte, individuelle Ausgangslage: Budget, Reisezeitraum, Interessen, frühere Erfahrungen, Mobilitätsbedürfnisse, Essgewohnheiten, Sicherheitsbedenken, Nachhaltigkeitsansprüche, gewünschte Atmosphäre oder konkrete funktionale Anforderungen an Unterkunft und Erlebnis. Aus der klassischen Suche wird ein dialogischer Prozess, in dem KI-Systeme kuratieren, priorisieren und konkrete Vorschläge ableiten.

Mit Agentic AI geht diese Entwicklung noch einen Schritt weiter. Persönliche KI-Agenten werden nicht nur Empfehlungen aussprechen, sondern Verfügbarkeiten prüfen, Preise vergleichen, Alternativen bewerten, Rückfragen stellen und perspektivisch Buchungen vorbereiten oder abschließen. Der Mensch bleibt Auftraggeber, aber nicht mehr zwingend Bediener jedes einzelnen Zwischenschritts. Die Reiseplanung verschiebt sich damit von der aktiven Recherche zur delegierten Zielerreichung. Für touristische Anbieter verändert das die Spielregeln grundlegend. Wenn ein KI-Agent direkt auf strukturierte Daten, Schnittstellen, Bewertungsmuster, Verfügbarkeiten, Preislogiken und Kontextinformationen zugreift, reicht klassische Website-Sichtbarkeit allein nicht mehr aus. Sichtbar bleibt nicht automatisch, wer die beste Landingpage oder das größte Mediabudget hat, sondern wer für maschinelle Systeme verständlich, vertrauenswürdig, aktuell, differenziert und eindeutig anschlussfähig ist.

Mirschel beschreibt diesen Wandel als Übergang in eine B2A-Ökonomie: Business-to-Agent. Unternehmen kommunizieren künftig nicht mehr nur mit Menschen, sondern auch mit deren digitalen Assistenten. Diese Agenten werden zu Gatekeepern zwischen Angebot und Nachfrage. Sie filtern Komplexität, reduzieren Auswahlstress und entscheiden mit, welche Optionen überhaupt noch in die engere Wahl kommen. „Wer in dieser Welt nicht maschinenlesbar, glaubwürdig und relevant ist, wird nicht einfach schlechter gefunden. Er findet im Entscheidungsprozess möglicherweise gar nicht mehr statt“, so Mirschel.

Sichtbarkeit wird zur Daten-, Vertrauens- und Markenfrage

Die Konsequenz daraus ist erheblich. SEO wird nicht bedeutungslos, aber es reicht nicht mehr aus. Neben Search Engine Optimization rücken Generative Engine Optimization (GEO) und Agentic Engine Optimization (AEO) sowie AI Visibility in den Vordergrund. Gemeint ist nicht das alte Denken in neuen Begriffen, also nicht bloß Keyword-Optimierung für Chatbots. Es geht darum, Inhalte, Daten und Markeninformationen so aufzubereiten, dass KI-Systeme deren Bedeutung, Qualität und Passung erkennen können. Für touristische Akteure bedeutet das: Angebote müssen präzise beschrieben, semantisch sauber strukturiert, aktuell gepflegt und in glaubwürdige Kontexte eingebettet sein. Öffnungszeiten, Preise, Barrierefreiheitsinformationen, Zielgruppenlogiken, Nachhaltigkeitskriterien, Buchbarkeit, Lagequalitäten, emotionale Tonalität und konkrete Nutzenversprechen dürfen nicht verstreut, veraltet oder widersprüchlich vorliegen. Was für den Menschen noch interpretierbar war, wird für KI-Systeme schnell zum Ausschlusskriterium.

Gleichzeitig gewinnt die Marke an Bedeutung – allerdings anders als früher. In einer Welt, in der KI Antworten zusammenfasst und Empfehlungen komprimiert, verlieren Unternehmen einen Teil der Kontrolle über Framing, Tonalität und Präsentation. Umso wichtiger wird es, dass Markenidentität nicht nur auf Kampagnenebene stattfindet, sondern in Daten, Texten, Bildern, Produkten und Erlebnissen konsistent erkennbar ist. Die Destination, das Hotel, der Veranstalter oder das Reisebüro müssen für KI-Systeme nicht nur auffindbar, sondern eindeutig interpretierbar sein.

Gerade für Destinationen und Landestourismusorganisationen liegt darin eine große Chance. Viele von ihnen arbeiten seit Jahren mit Zielgruppenmodellen, Personas, Content-Strategien, Knowledge Graphs, strukturierten Daten und offenen Standards. Dieses Fundament kann in der KI-Ära wertvoll werden, wenn es konsequent weiterentwickelt wird. Die Website verliert dabei nicht zwingend an Bedeutung, aber ihre Rolle verändert sich: Sie ist nicht mehr nur Endpunkt einer Customer Journey, sondern zunehmend Daten-, Vertrauens- und Markenanker für viele externe, KI-getriebene Ausspielpunkte.

Keynote KI in der Touristik für 400 Gästen bei den RTK Dialogtagen Ende 2025 in Hurghada

Hyperpersonalisierung: Vom Zielgruppenmarketing zum „Segment of One“

Ein zentraler Treiber dieser Entwicklung ist die Hyperpersonalisierung. Das touristische Marketing war lange von Zielgruppen, Kampagnen und Segmenten geprägt. Diese Logik bleibt hilfreich, wird aber durch KI deutlich granularer. Wenn Reisende ihre Bedürfnisse in natürlicher Sprache beschreiben und KI-Systeme persönliche Historien, Präferenzen, situative Kontexte und Echtzeitinformationen berücksichtigen, entsteht eine neue Erwartung: Angebote sollen nicht nur allgemein attraktiv sein, sondern konkret zur individuellen Situation passen. Das klassische Versprechen von „Urlaub für alle“ verliert dadurch weiter an Kraft. Wer beliebig mit der Gießkanne kommuniziert, wird in einer KI-vermittelten Auswahl austauschbar bleiben.

Wer hingegen seine spezifischen Stärken klar, ehrlich und datenfähig beschreibt, kann auch als kleinerer Anbieter in hochrelevanten Nischen sichtbar werden. Ein familiengeführtes Hotel, ein spezialisierter Radreiseanbieter, eine Region mit besonderem Naturprofil oder ein lokales Erlebnis mit hoher Authentizität kann dann genau dort auftauchen, wo die Passung besonders hoch ist. Für Mirschel liegt hierin eine demokratisierende Komponente der KI – allerdings nur unter Bedingungen. „KI kann kleineren und spezialisierten Anbietern neue Sichtbarkeit verschaffen, wenn ihre Daten, Inhalte und Produkte wirklich gut sind. Sie kann aber ebenso bestehende Unsichtbarkeit verstärken, wenn Angebote schlecht gepflegt, unklar positioniert oder digital nicht anschlussfähig sind.“

Damit verschiebt sich der Wettbewerb. Lautstärke verliert an Bedeutung, Präzision und Relevanz gewinnt weiter. Nicht jedes Unternehmen muss überall präsent sein. Aber es muss dort erkennbar sein, wo seine tatsächliche Stärke auf ein konkretes Bedürfnis trifft.

RDA Jahrestagung 2025: KI ist auch im Bustourismus im Fokus
RDA Jahrestagung 2025: KI ist auch im Bustourismus im Fokus

Agentic AI und die halbautonome Tourismus-Organisation

Die Veränderungen betreffen jedoch nicht nur Marketing und Vertrieb. In den Organisationen selbst beginnt KI, standardisierte Workflows zu übernehmen oder vorzubereiten. Aus einzelnen Experimenten mit ChatGPT, Midjourney oder anderen Tools werden zunehmend systematische Prozesslandschaften. Rechnungsprüfung, Angebotsvorbereitung, Protokollierung, Recherche, Content-Varianten, Übersetzungen, Social-Media-Planung, Monitoring, Reporting, Datenbereinigung oder Krisenkommunikation lassen sich teilweise automatisieren oder zumindest deutlich KI-gestützt organisieren. Damit entsteht eine neue Form der Arbeitsteilung. Mitarbeitende werden nicht überflüssig, aber ihre Rollen verändern sich. Sie werden stärker zu Kuratorinnen, Prüfern, Prozessgestaltern und Qualitätsverantwortlichen.

Sie definieren Leitplanken, kontrollieren Ergebnisse, treffen Abwägungen und bringen Kontext ein, den Maschinen nicht besitzen. Gerade im Tourismus ist dieses Kontextwissen entscheidend: Ortskenntnis, Gästegespür, Erfahrung, Empathie, kulturelle Sensibilität und ein Verständnis für Atmosphäre lassen sich nicht vollständig automatisieren. Mirschel warnt deshalb vor zwei gleichermaßen problematischen Extremen. Das eine ist blinde Automatisierung, bei der KI ohne Strategie, Qualitätssicherung und Governance in Prozesse gedrückt wird.

Das andere ist defensives Abwarten, während Wettbewerber ihre Arbeitsweisen bereits neu ausrichten. „Wer den Übergang zur halbautonomen Organisation heute nicht strategisch plant, verliert nicht nur Effizienz. Er verliert Anschlussfähigkeit an ein Ökosystem, das immer weniger Geduld mit manuellen Verzögerungen und fragmentierten Datenflüssen hat.“ KI-Strategie ist aus seiner Sicht deshalb kein optionales Papier mehr. Sie ist ein Führungsinstrument. Sie klärt, welche Ziele mit KI verfolgt werden, welche Prozesse priorisiert werden, welche Datenqualität notwendig ist, welche Tools eingesetzt werden dürfen, welche Kompetenzen Mitarbeitende brauchen, welche Risiken zu beachten sind und welche Verantwortung beim Menschen verbleibt. Ohne diese Orientierung droht Wildwuchs: viele einzelne Tools, uneinheitliche Standards, unklare Haftungsfragen, Schatten-KI und am Ende wenig echte Wirkung.

Konsolidierung des Reisemarktes – und neue Rollenverteilung

Dass sich der Markt professionalisiert und konsolidiert, zeigt sich auch an konkreten Entwicklungen. Anfang 2026 wurde DestiHub an one.intelligence verkauft. DestiHub ging aus dem Pilotprojekt VisitKölnGPT hervor, das Mirschel gemeinsam mit Roland Trebo und Florian Bauhuber konzipierte und erfolgreich als Corporate KI-Lösung am Markt etablierte. Der Verkauf sollte Synergien bündeln und Freiräume für neue Aufgaben schaffen. Auch sonst entstehen in der Branche neue Zusammenschlüsse und Kooperationen, wie u.a. der Zusammenschluss des Startups Mindtrip mit Zahlungsdienstleister PayPal und GDS-Anbieter Sabre verdeutlicht. Solche Bewegungen zeigen, dass KI im Tourismus nicht mehr nur aus einzelnen Prototypen und Leuchtturmprojekten besteht. Es entstehen Plattformen, Infrastrukturen und strategische Allianzen, die KI-Anwendungen näher an Daten, Buchbarkeit und operative Prozesse heranführen.

Für Destinationen, Veranstalter, Hotellerie, Attraktionen, Mobilitätsanbieter und Reisevertrieb bedeutet das: Die nächsten Jahre werden nicht mehr durch neue Tools geprägt, sondern durch neue Machtverhältnisse und Marktgegebenheiten. Wer kontrolliert Datenzugänge? Wer kuratiert Empfehlungen? Wer besitzt die Kundenschnittstelle? Wer wird von KI-Systemen als vertrauenswürdige Quelle eingestuft? Und wer verschwindet hinter den Oberflächen großer Plattformen oder persönlicher Assistenten? Besonders deutlich wird diese Spannung im Reisevertrieb. Klassische Reisebüros verfügten lange über eine besondere Form der Deutungshoheit. Sie kannten ihre Stammkundinnen und Stammkunden, wussten um Vorlieben, Budgets und No-Gos und konnten Empfehlungen mit persönlicher Erfahrung verbinden.

Dieses Wissen ist weiterhin wertvoll, steht aber unter neuem Druck. Große Online Travel Agencies haben über Jahre enorme Datenmengen gesammelt, Kundenverhalten analysiert und digitale Prozesse optimiert. Beispielhaft sei hier CHECK24 aufgeführt, das durch querfinanzierte Maßnahmen wie das Verschenken von Millionen gebrandeter Fußballtrikots oder die zweifelhafte Cashback-Praxis in die meisten deutschen Haushalte datentechnisch vordringen konnte. KI gibt ihnen zusätzliche Möglichkeiten, Nachfrage frühzeitig zu erkennen, Empfehlungen dynamisch auszuspielen und Kunden kontinuierlich anzusprechen. Gleichzeitig geraten aber auch große OTAs unter Druck. Denn wenn persönliche KI-Agenten künftig über mehrere Plattformen hinweg vergleichen, filtern und buchen, wird auch die Rolle klassischer Plattformoberflächen neu verhandelt. Der reine Mittler, der lediglich Angebot und Nachfrage technisch zusammenführt, wird in dieser Funktion weniger gebraucht. Relevanz entsteht stärker durch Vertrauen, Beratung, exklusive Zugänge, kuratierte Qualität, Service, Absicherung und echte Problemlösung. Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen und wirtschaftlicher Herausforderungen gewinnt die menschliche Orientierung durch erfahrene Expertinnen und Experten an Bedeutung.

Mirschel sieht gerade für Reisebüros deshalb nicht nur Risiken, sondern auch Chancen. Sie sollten nicht versuchen, gegen KI zu arbeiten, sondern ihr Domänenwissen mit technologischer Unterstützung verbinden. „Reisebüros müssen ihre Stärken nicht aufgeben, aber sie müssen sie neu übersetzen. Persönliche Beratung, Erfahrung und Vertrauen können sogar an Wert gewinnen – wenn sie durch Daten, Automatisierung und intelligente Assistenz ergänzt werden. Es kommt jedoch elementar darauf an, im Gesamtsystem der Reisebranche überhaupt sichtbar zu bleiben und Kundenbedürfnisse gezielt zu adressieren.“

Das gilt ähnlich für Veranstalter, Reisebürokooperationen und touristische Mittelständler. KI kann Bedarfsermittlung, Angebotsvarianten, Kundenkommunikation, Nachfassen, Social-Media-Arbeit oder interne Recherche deutlich erleichtern. Beispiele wie der „Superkollege“ von Adigi, der Reisebüros bei Bedarfsermittlung und Kommunikation unterstützt, Counterlösungen mehrerer Vertriebskooperationen oder ViralSpoon, das Social-Media-Prozesse KI-gestützt automatisiert, zeigen bereits, wie Entlastung im operativen Alltag konkret aussehen kann. Entscheidend ist jedoch, dass solche Lösungen nicht als isolierte Effizienzspielerei verstanden werden, sondern in eine klare Prozess- und Qualitätslogik eingebettet sind. Das Reisebüro der Zukunft muss in ganz wesentlichen Teilen (auch unter der Haube) digitalisiert sein, wobei Standardprozesse, das Bespielen der Kunden mit individuellen Inspirations- und Angebotsinhalten sowie die Unterstützung bei der Beratung mit maßgeschneiderten, passgenauen Produkten von smarten Systemen zumindest unterstützt werden muss.

Podiumsdiskussion zu Voicebots und KI im Tourismus

Neue Kennzahlen für eine neue Customer Journey im Tourismus

Wenn sich Sichtbarkeit und Entscheidungsprozesse verändern, geraten auch klassische Erfolgskennzahlen unter Druck. Website-Sessions, Rankings, Klickpfade oder einfache Conversion-Trichter bilden nur noch einen Teil der Wirklichkeit ab. Wenn KI-Systeme Antworten direkt ausspielen, Empfehlungen zusammenfassen oder Agenten Buchungsentscheidungen vorbereiten, findet ein wachsender Teil der Wirkung außerhalb der eigenen Website statt. Für Destinationen und touristische Organisationen wird es daher schwieriger, Erfolg allein über Traffic zu messen. Eine Destination kann in KI-Antworten stark präsent sein, ohne dass Nutzerinnen und Nutzer in gleichem Maße auf die Website klicken. Aktuelle Auswertungen zeigen deutlich, dass trotz rückläufiger Trafficzahlen die Qualität der Leads durch KI-Systeme deutlich höher ist, da die zu Grunde liegenden Bedürfnisse bereits deutlich spitzer adressiert sind als dies in der Vergangenheit über klassische Suchmaschinen überhaupt möglich war.

Umgekehrt kann hoher Traffic an Wert verlieren, wenn er nicht zu qualifizierter Nachfrage, besserer Datenverwendung oder echter Entscheidungsrelevanz führt. Mirschel plädiert deshalb für ein erweitertes Verständnis von Wirkung. Neben Reichweite und Klicks werden künftig Faktoren wie KI-Sichtbarkeit, Datenqualität, Zitierfähigkeit, Empfehlungswahrscheinlichkeit, Markenkonsistenz in KI-Ausgaben, Buchbarkeitsanschluss, Content-Aktualität und Vertrauenssignale wichtiger. Organisationen müssen lernen, nicht nur für menschliche Nutzeroberflächen zu optimieren, sondern für ein Ökosystem aus Menschen, Plattformen, Assistenten und Agenten.

Expertenprofil: Alex Mirschel ist Experte für Künstliche Intelligenz im Tourismus, Berater bei Realizing Progress und begleitet seit mehr als 15 Jahren touristische Unternehmen, Destinationen, Verbände und Organisationen bei Digitalisierung, Innovation und Transformation. Seine Arbeit verbindet strategische KI-Beratung, praxisnahe Workshops, Keynotes, Leitlinienentwicklung und die Begleitung konkreter Umsetzungsprojekte – von KI-Strategien über Daten- und Sichtbarkeitsfragen bis zur organisationalen Verankerung von KI im touristischen Alltag.

Nachhaltigkeit, Nudging und bessere Entscheidungen durch KI

Künstliche Intelligenz ist für Mirschel nicht nur ein Werkzeug für Effizienz in Marketing und Vertrieb. Sie kann auch helfen, nachhaltigere Entscheidungen im Tourismus zu fördern – wenn Daten transparent, vergleichbar und verständlich gemacht werden. Reiseentscheidungen sind komplex. Preis, Zeit, Komfort, Erlebnisqualität, Verfügbarkeit und ökologische Wirkung stehen oft in Spannung zueinander. KI kann diese Komplexität reduzieren, Alternativen sichtbar machen und Reisende situativ zu besseren Entscheidungen anstoßen. Das betrifft etwa die Wahl von Verkehrsmitteln, die Verteilung von Besucherströmen, die Empfehlung weniger belasteter Orte, die Darstellung von CO₂-Informationen, die Auswahl zertifizierter Unterkünfte oder die Planung sinnvoller Routen.

Entscheidend ist dabei, Nachhaltigkeit nicht als moralischen Zeigefinger zu inszenieren, sondern als intelligente Entscheidungshilfe. „Wenn wir Daten transparenter machen und in einen verständlichen Kontext setzen, funktioniert auch das Nudging von Reisenden deutlich besser“, sagt Mirschel. Gleichzeitig bleibt KI selbst nicht frei von Nachhaltigkeitsfragen. Rechenleistung, Dateninfrastrukturen und Toolnutzung verursachen Kosten und Ressourcenverbrauch. Eine verantwortliche KI-Strategie sollte deshalb auch fragen, welche Anwendungen echten Nutzen stiften und wo Automatisierung nur digitale Beschäftigungstherapie ist. Nicht jede Aufgabe wird besser, nur weil KI beteiligt ist.

Innovation braucht Mut, Infrastruktur und Kompetenz

In den kommenden Jahren erwartet Mirschel, dass KI-Anwendungen noch stärker in den Alltag wandern: in Smartphones, Betriebssysteme, Buchungsplattformen, Office-Software, Fahrzeuge, Übersetzungssysteme, Serviceprozesse und touristische Informationspunkte vor Ort. KI wird dadurch weniger sichtbar als einzelnes Tool, aber wirkmächtiger als Infrastruktur. Für kleine und mittelständische Unternehmen kann das eine große Entlastung bedeuten. Viele Aufgaben, für die früher Spezialwissen, Agenturbudgets oder große Teams nötig waren, lassen sich künftig schneller und günstiger vorbereiten. Gleichzeitig steigt die Anforderung an menschliche Urteilskraft und Managementfähigkeiten.

Wer KI nutzt, muss Ergebnisse einschätzen, Quellen prüfen, Datenschutz beachten, Markenqualität sichern und rechtliche Rahmenbedingungen verstehen. Mirschel sieht darin eine zentrale Aufgabe für die Branche: Kompetenzaufbau darf nicht bei Prompt-Tipps stehen bleiben. Es braucht Schulungen, Leitlinien, Toolregister, Verantwortlichkeiten, Datenstrategien und Räume für praktisches Ausprobieren. Mitarbeitende müssen nicht zu Programmiererinnen und Programmierern werden. Aber sie sollten verstehen, wie KI-Systeme funktionieren, wo ihre Grenzen liegen und wie man sie sinnvoll in die eigene Arbeit integriert. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass ein kontinuierliches ehrliches Aufschlauen auf Führungsebene wichtig ist, um die Tragweite der Veränderungen zumindest in wesentlichen Zügen greifen und beurteilen zu können.

Für den Innovationsstandort Deutschland und Europa sieht Mirschel zugleich Nachholbedarf. „Wir müssen den Mut zu unternehmerischer Innovation stärken. Es reicht nicht, allein auf die großen internationalen Plattformen zu warten. Der europäische Tourismus braucht eigene Lösungen, bessere Dateninfrastrukturen, mehr Kooperation und eine gesunde Startup-Kultur.“ Positiv sieht er in diesem Kontext die Startup-Nights des Travel Industry Clubs und Verband Internetreisevertrieb VIR, bei dessen Finale Mirschel auch in der Jury sitzt, um das „Travel Startup des Jahres“ zu küren.

Fazit: Die Branche muss den Wandel aktiv gestalten

Künstliche Intelligenz verändert den Tourismus nicht an einer einzelnen Stelle, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette: in der Inspiration, in der Suche, in der Buchung, in internen Prozessen, im Vertrieb und im Erlebnis vor Ort. Damit wird KI zu einer strategischen Gestaltungsfrage. Wer sie nur als Effizienzwerkzeug betrachtet, unterschätzt ihre Wirkung. Wer sie ignoriert, riskiert, in einer zunehmend von Plattformen, Daten und Agenten geprägten Reiseökonomie an Sichtbarkeit und Relevanz zu verlieren.

Für Mirschel entscheidet sich die Zukunft der Branche deshalb nicht an der Frage, ob Mensch oder Maschine gewinnt. Entscheidend ist, ob touristische Organisationen lernen, beides sinnvoll zu verbinden: KI für Orientierung, Entlastung, Präzision und bessere Entscheidungen – Menschen für Haltung, Verantwortung, Gastfreundschaft, Kreativität und echtes Erfahrungswissen.

Technologie ist kein Selbstzweck. Sie sollte uns helfen, das Produkt Reisen menschlicher zu machen, nicht beliebiger“, sagt Mirschel. „Die Zukunft des Reisens wird stark von KI geprägt sein. Aber ihr Wert entsteht dort, wo sie Menschen mehr Raum für das gibt, was Reisen im Kern ausmacht: Begegnung, Erlebnis, Neugier und das Gefühl, sich auf etwas Unbekanntes einzulassen.“


FAQ: Häufige Fragen zu Künstlicher Intelligenz im Tourismus

Was bedeutet Agentic AI im Tourismus?

Agentic AI bezeichnet KI-Systeme, die nicht nur Antworten geben, sondern Aufgaben eigenständiger ausführen oder vorbereiten können. Im Tourismus betrifft das zum Beispiel Recherche, Angebotsvergleich, Reiseplanung, Verfügbarkeitsprüfung, Kundenkommunikation, Reporting oder perspektivisch auch Buchungsschritte. Reisende und Unternehmen geben dabei Ziele und Rahmenbedingungen vor, während KI-Systeme Zwischenschritte zunehmend selbst organisieren.

Warum ist Künstliche Intelligenz für den Tourismus 2026 so relevant?

KI verändert nicht nur einzelne Arbeitsabläufe, sondern die gesamte touristische Wertschöpfungskette. Sie beeinflusst, wie Reisen gesucht, empfohlen, gebucht, vermarktet, organisiert und vor Ort begleitet werden. Für Unternehmen geht es deshalb nicht mehr nur um Effizienz, sondern um Sichtbarkeit, Datenqualität, Wettbewerbsfähigkeit, neue Rollen im Vertrieb und die strategische Steuerung der eigenen Organisation.

Was bedeutet GEO oder Generative Engine Optimization für touristische Anbieter?

Generative Engine Optimization beschreibt die Optimierung von Inhalten, Daten und digitalen Signalen für KI-gestützte Antwort- und Empfehlungssysteme. Für touristische Anbieter bedeutet das: Informationen müssen aktuell, strukturiert, eindeutig, vertrauenswürdig und maschinenlesbar sein. Nicht nur Menschen, sondern auch KI-Systeme müssen verstehen können, wofür ein Angebot steht, für wen es passt und warum es empfehlenswert ist.

Welche Rolle spielen Reisebüros in der KI-Ära?

Reisebüros verlieren nicht automatisch an Bedeutung, müssen ihre Rolle aber neu übersetzen. Reine Buchungsabwicklung wird technisch leichter automatisierbar. Persönliche Beratung, Erfahrung, Vertrauen, Problemlösung, Spezialwissen und menschliches Gespür bleiben jedoch wertvoll – besonders dann, wenn sie mit KI-gestützten Prozessen, Daten und Assistenzsystemen kombiniert werden.

Wie können Destinationen in KI-Systemen sichtbar bleiben?

Destinationen sollten ihre Inhalte und Daten so aufbereiten, dass KI-Systeme sie zuverlässig interpretieren können. Dazu gehören aktuelle Informationen, klare thematische Profile, strukturierte Daten, offene Schnittstellen, konsistente Markenführung, hochwertige redaktionelle Inhalte und vertrauenswürdige Quellen. Die eigene Website wird dabei stärker zum Daten-, Vertrauens- und Markenanker für externe KI-Ausspielungen.

Ersetzt KI Arbeitsplätze im Tourismus?

KI wird Aufgaben automatisieren, Rollen verändern und bestimmte Tätigkeiten reduzieren. Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben rund um Prozessgestaltung, Datenqualität, Qualitätssicherung, KI-Governance, Content-Kuration, Beratung und strategische Steuerung. Entscheidend ist, ob Organisationen Mitarbeitende frühzeitig befähigen und KI als Veränderungsprozess gestalten, statt sie nur als Tool einzuführen. Die ehrliche Antwort lautet gleichwohl: Ja, gerade in der Tourismusbranche werden Jobs durch Künstliche Intelligenz mittelfristig wegfallen. Dies ist angesichts der Herausforderungen rund um den demografischen Wandel (bis 2035 gehen in Deutschland allein 19,5 Millionen sogenannte „Babyboomer“ in Rente) und den omnipräsenten Fachkräftemangel (es fehlt in allen Segmenten an Nachwuchskräften und jungen Talenten in der erforderlichen Anzahl) in vielen Organisationen jedoch eher eine Hoffnung, als eine Angst.

Wer ist Alex Mirschel?

Alex Mirschel ist Experte für Künstliche Intelligenz im Tourismus und Berater bei Realizing Progress. Er begleitet touristische Unternehmen, Destinationen, Verbände und Organisationen bei Digitalisierung, Innovation und KI-Strategien. Zudem ist er fachlicher Leiter des Kompetenzkreises KI im Tourismus, Mitglied der Taskforce Digitalisierung & KI der Denkfabrik „Die Zukunft der Gastwelt“ und wurde als Sachverständiger für Künstliche Intelligenz in den Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages eingeladen (mehr über Alex Mirschel).